Von Wikingern, stürmischen Vögeln und Kontrakulturellen


Eine Gruppe von dynamischen Jugendlichen mit gelb-schwarzen Transparenten mischte sich am 10.10.2015 unter die

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Quelle: Facebook

Teilnehmer der Anti-TTIP-Demonstration in Berlin. Auch auf den PEGIDA-Aufmärschen in Dresden oder bei dem MVgida-Aufmarsch in Rostock  am 01.03.2015  wurde das gelbe Lambda-Symbol gesichtet. Bei der geheimnisvollen Gruppe, über die anscheinend viel gerätselt wird, handelt es sich um Mitglieder der „Identitären Bewegung“ (IB). Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es seit 2014 eine Identitäre Bewegung, die mit den anderen IB-Gruppen deutschlandweit und auch über die Grenzen hinaus vernetzt ist.

Öffentlich wahrnehmbar sind sie vor allem durch ihre Aktionen, wie großflächige Plakatier-Aktionen, Flyer verteilen oder diverse spontane Kundgebungen und Störaktionen. 
Ausgehend vom Rostocker Umland tauchen deren Aktivitäten mittlerweile auch im Landkreis Nordwestmecklenburg und der Hansestadt Wismar auf. So wurde vor allem im Umfeld der Hochschule Wismar Aufkleber geklebt oder großflächig Plakate an leerstehende Häuser angebracht. Auch nahm bei einem IB-Stammtisch im Oktober 2015 das ehemalige Mitglied der verbotenen Wiking-Jugend Rudi Wittig teil. Desweiteren reiste der Wismarer Student und ehemalige Stützpunktleiter der  „Jungen Nationalisten Salzland Torsten Görke im Juni dieses Jahres zu einer IB-Demonstration nach Wien. [12]

Identitäre Bewegung- jung, aktionistisch, poppig und elitär

 Inspiriert durch die Aktionen der französischen „Génération Identitaire“ gründeten sich die ersten im engeren Sinne identitäre Gruppierung in Deutschland 2012. Kennzeichnend für die Identitäre Bewegung sind vier Alleinstellungsmerkmale: Jugendlichkeit, Aktionismus, Popkultur und Corporate Identity.
Anstatt mit Gesprächszirkel oder politischen Pamphleten versuchen sie mit poppigen Störaktionen, wie Flashmobs oder Hausbesetzungen, öffentlich auf sich aufmerksam zu machen. Im Vergleich zu den meisten Kameradschaftstrukturen machten sie sich die Vorteile der „Neuen Medien“ zu nutze. Auf Facebook-Seiten, Blogs oder in Youtube-Channels, den sogenannten Vlogs, werden regelmäßig Berichten und Videos von den durchgeführten Aktionen veröffentlicht. In regelmäßig veröffentlichten Beiträgen werden sowohl Diskussionsstände zu ideologischen Fragen vorgestellt als auch aktuelle politische Geschehnisse kommentiert. Allgegenwärtig, sowohl im Webauftritt als auch auf Plakaten, Flyer oder Aufklebern, ist immer das gelbe Lambda auf schwarzem Untergrund, über das sich die Gemeinschaft überregional und international identifiziert. Identität und Nation spielen dabei eine zentrale Rolle. Anstatt offen den Nationalsozialismus zu propagieren, versuchen sie unterschwellig eine Diskursverschiebung und damit eine positiv Besetzung des Begriffes Nationalsozialismus. Ihre Ideologie ist  vor allem von ethnopluralistischen Vorstellungen geprägt, in denen Menschen mit Migrationshintergrund eine Gefahr für ihre eigene Kultur, Nation und Identität darstellen. Ganz nach dem Motto: Dem Deutschen die Bratwurst mit Sauerkraut, dem Italiener die Pasta und dem Franzosen das Baguette. Oft distanzieren sich die einzelnen IB-Gruppen vom Nationalsozialimus, vom Faschismus hingegen nie. [1]
Eine der ersten typisch identitären Aktionen in Deutschland war ein Flashmob im August 2012 organisiert von der Neonazi-Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“ (NSR). Auch wenn sie sich zu dem Zeitpunkt noch nicht selbst als Identitäre Bewegung bezeichnen, entspricht die gewählte Aktionsform der der rechten Jugendbewegung. Maskiert und mit Schildern, auf denen unter anderen „NS fetzt!“ zu lesen war, wollten sie die Demokratie „wegbassen“. Dabei dröhnten sie begleitet von dem von Identitären oft verwendeteten Lied „We bring Hardbass to your Home 1488“ [ins engl. übersetzt] durch die Rostocker Einkaufsmeile. 

 IB MV bei PEGIDA

 Mittlerweile hat auch Mecklenburg-Vorpommern offiziell eine identitäre Gruppierung. Seit anfang 2014 hat die „Identitäre Bewegung Mecklenburg und Vorpommern“ ihren Webauftritt via Facebook und dem Blog „Kontrakultur MV“, für den der Rostocker Daniel Fiß maßgeblich verantwortlich ist. [2] Die Mitglieder stammen aus unterschiedlichen rechten Umfeld, wie völkischen oder NPD-nahen-Strukturen.
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IB Stamtisch Oktober 2015 Quelle: Facebook

Auch die IB Mecklenburg und Vorpommern nimmt aktiv deutschlandweit an den aktuellen politischen Geschehnissen, wie der PEGIDA-Bewegung und ihren Ausläufern teil. Am Ostermontag, den 06.April dieses Jahres, formierte sich erstmalig ein eigener IB-Block von rund 40 Teilnehmern im PEGIDA-Aufmarsch. Mit dabei war auch eine kleine Reisegruppe von der IB Mecklenburg und Vorpommern, mit unter auch Daniel Fiß. Sie selbst sehen sich dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur PEGIDA-Bewegung, die vermeintliche Lösungsansätze anbieten könne. Vorwiegend versuchten sie dabei die Aufmerksamkeit der Aufmarsch-Teilnehmer und Pressevertreter auf sich zu ziehen, verteilten Flyer und versuchten neue Jugendliche für die IB anzuwerben. [11]

Einer der Mitinitiatoren der IB Mecklenburg und Vorpommern ist das ehemalige Mitglied der NSR und NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (JN) Daniel Fiß. Fiß studierte seit 2011 Good Governance an der Rostocker Universität. Nach seinem Ausscheiden aus der JN entwickelte er sich weiter weg von seiner alten Szene, in der er angeblich als Verräter gelten solle, immer mehr hin zur Gemeinschaft der Identitären Bewegung. [2] [3]
In jüngster Vergangenheit haben sie vor allem mit Flyer- und Plakataktionen sowie dem Aufhängen von Transparenten an Brücken auf sich aufmerksam gemacht. Eine für die IB-Mecklenburg und Vorpommern neue Aktionsform ist das Abhalten von kurzen spontanen Kundgebungen an öffentlich bedeutsamen Bereichen. So hielten sie am 07.10.2015 in Rostock vor dem Rathaus eine nicht angemeldete Spontankundgebung ab. Mit Transparenten und Pyrotechnik protestierten sie unter dem Motto „Sichere Grenzen! Sichere Zukunft!“ gegen die aktuelle Situationen rund um die Refugees. Neben den öffentlichen Aktionen finden auch nicht für Jedermann sichtbare Treffen statt, in denen neue Mitglieder eingebunden, alt bewährte gefestigt und gemeinsam die nächsten Aktionen geplant werden. Nach eigenen Angaben treffen sie sich monatlich zu einen Stammtisch.

Aktivist aus NWM bei IB-Stammtisch

 An dem Stammtisch im Oktober 2015 nahm auch Rudi Wittig, der ehemalige Bundesfahrtenführer der mittlerweile verbotenen Jugendorganisation Wiking-Jugend, teil. Zwar treffen auf ihn die Alleinstellungsmerkmale wie Jugendlichkeit oder Popkultur nicht mehr zu, dennoch können die jungen Mitglieder von seinem Erfahrungsschatz profitieren. Wittig war nicht nur von 1981-1985 Bundesfahrtenführer der Wiking-Jugend sondern auch erster Bundesführer des deutschen Jugendbund Sturmvogel und zählt somit zu den elitären, völkisch nationalistischen Gruppen. [13]

Die rechte, millitante Jugendorganisation Wiking-Jugend, die nach dem Vorbild der „Hitler-Jugend“ aufgebaut wurde, wurde 1994 gemäß § 3 VereinsG verboten. Als Begründung nannte der damalige Bundesinneminister Manfred Kanther die Wesensverwandtschaft zur NSDAP und Hitler-Jugend. [5]

R.Wittig u. T.Görke bei MVgida in Schwerin

Aufgrund von unüberwindbarer Differenzen spaltete sich allerdings noch vor dem Verbot eine kleine Gruppierung um Rudi Wittig Ende der ’80er Jahre ab, der kurze Zeit später erster Bundesführer des deutschen Jugendbundes Sturmvogel wurde. Der Ursprung dieses Jugendbundes ist wie bei ähnlichen Gruppierungen nicht aus den „Bünden der Bündischen Jugend“ in Nachkriegsdeutschland, wie die Pfadfinderbewegung, sondern in rechtsextremen Strukturen. Das Hauptbetätigungsfeld besteht darin Kinder und Jugendliche gegen die bundesdeutsche Gesellschaft zu stärken und diese in Volksgemeinschaften mit völkisch nationalistischen Siedlungscharakter zu integrieren. [8] 

Nachdem der rechte Jugendverband „Heimattreue Deutsche Jugend“  im Frühjahr 2009 verboten wurde, gilt der Sturmvogel unter Szenekennern als dessen Auffangbecken.
Rudi Wittig und auch andere völkische Siedler, die zum Teil dem Sturmvogel angehören, haben sich seit mehreren Jahren im Landkreis Nordwestmecklenburg niedergelassen und sind dort zum Teil unerkannt Bestandteil in den Gemeinden geworden. So lebt Wittig seit vielen Jahren in einem Nebengebäude auf einem Gutshof in der Gemeinde Benz. Wittig, als Beruf Antiquar, betrieb das in Wismar ansässige Antiquariat „Coriosum“. Im Angebot hatte er u.a. eine CD mit 15 „Volks- und Fahrtenlieder“ des Sturmvogels oder ein Buch über den historischen „Wehrwolf“, welches durch den NPDnahen Pommerschen Buchdienst verlegt wurde. [7] 

Ähnlich der völkischen Strukturen, wie der Sturmvogel, agiert auch Rudi Wittig eher im Verborgenen. Dennoch nahm er gemeinsam mit Torsten Görke am 23.03.2015 an einen Aufmarsch des NPD-dominierten PEGIDA-Ableger MVgida in Schwerin teil.

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T.Görke am Rande einer Demonstration in Wismar

Der ursprünglich aus dem Hallener Raum stammende Torsten Görke pflegt Kontakte zu einer der Sturmvogel-Familie in der Gemeinde Benz. Bevor diese vor einigen Jahren ihr eigenes Anwesen in Kalsow kauften, fanden sie Unterschlupf bei Rudi Wittig. [6]

Nachdem es Torsten Görke für sein Wirtschaftsinformatik-Studium 2013 an die Hochschule Wismar verschlug, war er im Raum Halle bei der Burschenschaft Germannia und als Stützpunktleiter der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten Salzland“ tätig. Neben seinem Germanistik- und BWL-Studium in Halle, wurde er in seiner Freizeit des öfteren als Anti-Antifa-Aktivist beboachtet. So versuchte er mehrfach am Rande von Veranstaltungen antifaschistisch engagierte Personen einzuschüchtern und zu fotografieren. [10]
Seit seinem Umzug in den Ostsee-Raum versucht er, ähnlich wie Wittig, seine Aktivitäten eher im Verborgenen zu halten und meidet  z.B. bei Neonazi-Aufmärschen, an die er teilgenommen hatte, die Gegenwart von Pressefotografen und bemüht sich in der Masse der Teilnehmer zu verschwinden. Bei dem politischen Hintergrund und Verhaltensweisen ist es auch nicht verwunderlich, dass Torsten Görke sich ebenfalls an Aktionen der IB Mecklenburg und Vorpommern beteiligt. So besuchte er gemeinsam mit dem Rostocker Daniel Fiß einen Aufmarsch der IB in Wien am 06. Juni  2015, wo sie u.a. an gewalttätigen Auseinandersetzungen beteiligt waren. [2] 

Jugendbewegung als Sprungbrett

Nicht nur personelle– sondern auch Tätigkeitsüberschneidungen gibt es von der IB Mecklenburg und Vorpommern zu Gruppierungen wie dem Sturmvogel. Auch die IB MV sucht die Nähe zur Natur, indem sie z.B. lange Wanderungen, wie die Ostsee-Wanderung vom 24.07.-26.07.2015, veranstalten. Über 50km wurde entlang der Darßer Ostseeküste mit Übernachtung unter freiem Himmel überwunden. Auch werden Fahrten und Lager organisiert, wie das „Kontrakultur Sommerlager 2014“. Dabei wurde den Beteiligten nicht nur Lagerfeuerromantik geboten, sondern auch körperliche Ertüchtigung in Form von Sport, ideologische Schulungen und Skill-Training zum Überleben im Wald, wie dem Feuer entfachen mit natürlichen Mitteln, veranstaltet.
Für viele rechte Jugendliche stellen Gruppierungen, wie die IB Mecklenburg und Vorpommern, ein Sprungbrett für die anschließende Neonazi-Karriere dar. Die meisten Kinder und Jugendlichen werden in ihrem Glauben und nationalen Widerstand gefestigt und erhalten ihr ideolgisch gefestigtes Weltbild. Dabei dienen die gemeinsamen Unternehmungen nicht nur der Unterstützung der nationalistisch völkischen Erziehung sondern auch der Integration in die angestrebte Volksgemeinschaft.

Quellenangaben:

    [1] „Die Identitären – Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“; Bruns, Glösel, Strobl, UNRAST-Verlag, 1.Auflage März 2014
    [2] „Rostocker Neonazi bei Angriff auf AntifaschistInnen in Wien und geringe MV-Beteiligung beim TDDZ in Neuruppin“, Kombinat Fortschritt, 09. Juni 2015
    [3] „Uni Rostock – Neonazi Daniel Fiß geoutet“, linksunten.indymedia.org, 03. November 2011
    [4] Identitäre Bewegung Mecklenburg und Vorpommern, Facebook, 
    [5] „Wiking Jugend“, Netz gegen Nazis, 08. April 2008
    [6] „Mädelsache!- Frauen in der Neonazi-Szene“; Andrea Röpke, Andreas Speit, Ch. Links Verlag, 1. Auflage März 2011
    [7] „Völkische Erziehung“; Andrea Röpke, Andreas Speit, BNR, 07. Januar 2010
    [8] „Rechte Brutpflege“; Andreas Speit, TAZ, 07. Januar 2010
    [9] „Wer trägt die schwarze Fahne dort…“; Maik Baumgärtner, Jesko Wrede; Bildungsvereinigung Arbeit und Leben, 2009
    [10]„Hintergrund & Recherche“, Antifagruppen Halle, Neonazis in Halle
    [11] „Bericht aus dem Identitären Block“, Identitas, 13.April 2015
    [12] „Das Institut für Staatspolitik, die NPD und der Freibund“, Rechte Jugendbünde, 25.Januar 2010
    [13] „Rechte Zeltlager im Verborgenen“, Johannes Radke, Zeit online, 24. Januar 2010

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