Völkisches Sturmvogel Lager startete von Rostock – Mehrere Teilnehmer kamen aus Mecklenburg-Vorpommern


Treffpunkt am Hauptbahnhof Rostock

In der vergangenen Woche veranstaltete der „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ sein diesjähriges Sommerlager in Südschweden. Die bis zu 50 Teilnehmer trafen sich am Rostocker Fährhafen, um sich von dort aus in ein abgelegenes Waldgebiet in Smaland  auf den Weg zu machen. 

Mit Minimalgepäck auf die Fähre 

Ein seltsamer  Anblick wartete am Samstagabend, den 23.07.2016, am Fährterminal in Rostock auf umstehende Reisende. Rund 50 Kinder – die Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, langen Röcken und Blusen, die Jungen mit Trachtenhose und Hemd – tummelten sich mit spärlichem Gepäck auf dem Parkplatz vor dem Fährcenter. Der Busfahrer, der die Kindergruppe zu der Fähre nach Trelleborg bringen soll, drängelte, man sei zu spät, die Fähre würde doch gleich ablegen. Die Abholung der mit Zug angereisten Sturmvogelkinder vom Rostocker Hauptbahnhof sorgte für einige Verzögerungen. „Trotz des Stresses und der Hektik der augenscheinlichen Verantwortlichen, die wohl selbst nicht älter als 25 Jahre sind, verhielten sich die Kinder, die jüngsten wohl gerade alt genug für die Schule, waren auffällig diszipliniert“, so Lisa Krug von der AST-Westmecklenburg.  Nur auf den ersten Blick könnten sie für eine Pfadfindergruppe gehalten werden. Doch das grüne Hemd eines der Verantwortlichen mit dem Emblem des schwarzen Vogels auf rot-weißem Grund enttarnte die Gruppe, die der völkischen Organisation des „Sturmvogel– Deutscher Jugendbund“ angehört, einer Abspaltung der 1994 verbotenen Wiking-Jugend.  Unter den jungen Teilnehmern waren auch mehre Kinder und Heranwachsende aus der Region Güstrow und Nordwestmecklenburg. 
Der „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ enstand nachdem sich eine kleine Gruppierung Ende der ’80er um den heute in der Gemeinde Benz bei Wismar wohnende Rudi Wittig im Streit von der militanten Wiking-Jugend trennte. Der Ursprung dieses Jugendbundes liegt anders als bei der Pfadfinderbewegung nicht in den „Bünden der Bündischen Jugend“ in Nachkriegsdeutschland,  sondern in rechtsextremen Strukturen. Das Hauptbetätigungsfeld besteht darin Kinder und Jugendliche gegen die bundesdeutsche Gesellschaft zu stärken und diese in sogenannten homogenen Volksgemeinschaften mit völkisch-nationalistischen „Siedlungs“-Charakter zu sozialisieren. Heute gilt der „Sturmvogel“ unter Szenekennern als ein Auffangbecken der 2009 verbotenen „Heimattreue Deutsche Jugend“. 

Singen, wandern, tarnen 

Quelle: KVP/Expressen

Quelle: KVP/Expressen

Nachdem mehrere geheime  Lager des Sturmvogels in Deutschland von Journalisten beobachtet und veröffentlicht wurden, wichen sie in diesem Jahr in die Region Markaryd in Südschweden aus. Verborgen in einem Tal auf einer Waldlichtung wurden die schwarzen Zelte, genannt Jurten,  im Kreis aufgebaut. Ein Recherche-Team der antirassistischen Zeitschrift „Expo“ wurde auf das braune Treiben aufmerksam und beobachtete das Lager.  Zu sehen bekamen sie Szenen in denen Kinder Moos und anderes Waldzeug sammeln mussten, um ihre selbst erbauten Zelte zu tarnen. Morgens vor dem Frühstück musste zum Morgenappel angetreten werden. Der militärische Ton der Gruppenführer, dessen Amt von den älteren Teilnehmern übernommen wird, hallte durch die morgendliche Stille.

„Regelmäßig werden Lager dieser Art vom „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ organisiert, um bereits die Kinder und Jugendlichen gegen die bundesdeutsche Gesellschaft zu stärken, Feindbilder zu projezieren  und die Integration in die „Volksgemeinschaft“ mit nationalem, völkischen Siedlungscharakter zu stärken“ erklärt Lisa Krug von der Recherchegruppe AST. “ Für die Kinder sind diese Strapazen oft sehr kräftezehrend. Es ist auch schon vorgekommen,  dass ein Kind beim Morgenappell, welcher auch schonmal eine ganze Stunde gehen kann, aus Erschöpfung zusammengebrochen ist.“ 

Morgenappel beim Sommerlager in Grabow 2015

Morgenappel beim Sommerlager in Grabow 2015

Immer wieder sind auch bekannte, völkische Familien aus Mecklenburg-Vorpommern an den Veranstaltungen des Sturmvogels beteiligt. So schickten zwei Familien aus Lalendorf, die zum Umfeld der rechten Sekte „Artgemeinschaft –Germanische Glaubensgemeinschaft“ zählen, ihre Kinder mit ins Sturmvogel-Lager nach Schweden. Um die Verpflegung kümmerte sich u.a. Sigrid D. und ihre Mutter Ingeborg Godenau. Sigrids Vater ist führendes Mitglied der hessischen NPD, die Mutter ist ebenfalls als Neonazistin bekannt. Sigrid zog es vor einigen Jahren gemeinsam mit ihren Mann und den Kindern ins beschauliche Kalsow bei Wismar. Das Ehepaar D., welches vor wenigen Wochen am Maitanz der rechten Szene im niedersächsischen Edendorf teilnahm,  an dem sich auch NPD-Chef Stefan Köster beteiligte,  ist fester Bestandteil im Kreis der gut vernetzten Sturmvogel-Organisation. Auch die Kinder  des Greifswalder  Chef des NPD-Ordnungsdienstes „Waterkant“ in Mecklenburg-Vorpommern, Frank Klawitter, nehmen  an solchen Lagern teil. Klawitter selbst bildete den Nachwuchs in der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) aus. 
Immer wieder warnen Experten und Fachjournalisten vor der Gefährlichkeit solcher Organisationen. Nach dem Verbot der HDJ 2009 wurde es allerdings ruhig. Das Interesse an möglichen Nachfolgestrukturen verebbte. Obwohl die Mitglieder des „Sturmvogels“ zum Teil tief in die extrem rechte Szene verwurzelt sind und eine Kindeswohlgefährdung bei solchen Lagern zu prüfen wäre, sieht der Verfassungsschutz bislang keinen Grund die Organisation als Beobachtungsobjekt mit auf zu nehmen. 

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