Erlebnisorientiere Neonazis marschieren durch Waren


01102016-waren-demonstrationAm Samstag, den 01.10.2016, marschierten rund 60 Neonazis unter dem Motto „Heimat und Tradition“ durch Waren. Nach nicht einmal einer halben Stunde Fußmarsch wurde der Aufmarsch von der Anmelderin vorzeitig beendet.

Weniger Inhalt, mehr Gepöbel

Pünktlich um 12:00 Uhr füllte sich der Sammelpunkt am Start des Neonazi-Aufmarsches. Mit gerade einmal 60 Teilnehmern starteten sie nur eine halbe Stunde später. Pöbelnd zog der deutsche Volksmob begleitet von Rechtsrock vom Warener Bahnhof zum Markt. Auch wenn der Aufmarsch unter dem Motto „Heimat und Tradition“ angekündigt war, war die inhaltliche Ausrichtung eher weniger zu erkennen. Die Parolen, die die Aufmarsch-Teilnehmer durch die Straßen gröhlten, beschränkten sich größtenteils auf die anwesenden Gegendemonstranten entlang der Strecke, den Pressevertretern und Polizeikräften. Immer wieder kam es zu Provokationen und Bedrohungen. Mehrfach mussten die Polizeibeamten die Provokateure zurück in die Reihen des Aufmarsches drängen und wurden dabei nicht selten selbst Betroffene der Pöbelattacken. An ihren Zwischenkundgebungsplatz auf dem Neuen Markt wurden sie von einem breiten Bündnis von Gegenprotestlern empfangen. Diese waren zahlenmäßig den Neonazis so überlegen, dass die Polizeiführung den Aufmarschteilnehmern das Betreten des Marktplatzes für ihre Zwischenkundgebung verwehrte. Dem einzigen Redebeitrag, der allerdings auch kein sonderlich großer Beitrag zum Inhalt des Aufmarsches darstellte, hörten nur wenige Teilnehmer zu. Ein Großteil bevorzugte es die Gegendemonstranten und Pressevertreter zu beleidigen. 
01102016-waren-gegenprotestBesonders hervor tat sich abermals die neu gegründete Kameradschaft „Nationale Sozialisten Schwerin“. 
Nachdem der Hauptinitiator der rechten Splittergruppe „Deutschland wehrt sich“ David Bühring aufgrund eines inszenierten Terroranschlags in U-Haft gebracht wurde und die weiteren Initiatoren Uwe Wilfert sowie Torsten Schramke sich der NPD zugewandt hatten, gründeten einige übrig gebliebene Mitglieder die Kameradschaft „Nationale Sozialisten Schwerin“. Weiterhin ist deren inhaltlicher Chrakter allerdings schwer zu erfassen. Bislang beschränkt sich die politische Arbeit der Schweriner Kameradschaft auf das Tragen gemeinsamer Pullover, Pöbeln und Provozieren bei Aufmärschen sowie dem Teilen von Beiträgen anderer rechter Gruppen auf ihrer Facebook-Seite, die aktuell nicht aufrufbar ist. 

Kopflos mit Baseballschläger

Nachdem der Redner seinen Beitrag beendet hatte, meldete sich die Anmelderin des Aufmarsches zu Wort. Nachdem die Polizei ein Gespräch bezüglich der Provokationen der Aufmarsch-Teilnehmer führte, verkündete die Anmelderin, dass der Aufmarsch beendet sei und sie gemeinsam zurück zum Bahnhof gehen würden. Das stieß bei den Teilnehmern auf wenig Verständnis und sie machten prompt die Gegendemonstranten dafür verantwortlich. Die Bestrebungen der Organisatoren ihre inhaltlichen Forderungen zum Thema „Heimat und Tradition“ auf die Straße zu bringen, wurden durch das aggressive und provokante Verhalten der Teilnehmer zu nichte gemacht. Im gleichen Stil trottete der rechte Zug zurück zum Bahnhof. 
Einer der Teilnehmer sah es allerdings vor, sich frühzeitig zu entfernen und sich auf den Weg zu „Zutt’s Patriotentreff“, der rechte Treffpunkt in Waren, zu machen. Währenddessen traf eine größere Gruppe Gegendemonstranten, die sich ebenfalls auf den Heimweg machen wollten, vor der Neonazi-Lokalität in direkter Nähe des Warener Bahnhofs ein. Doris Zutt und mehrere Sympathisanten versammelten sich zum Teil bewaffnet mit Baseballschlägern und Stock vor der Eingangstür.
Als der aufgebracht wirkende Neonazi, der sich frühzeitig aus dem von der Polizei begleiteten Aufmarsch-Teilnehmer entfernte, am Patriotentreff ankam, entriss er einem der Sympathisanten den Baseballschläger und rannte auf die Gegendemonstranten zu. Zwei der Polizeibeamten, die die Gegendemonstranten begleitet hatten, stießen ihn um und beschlagnahmten den Baseballschläger. Der Angreifer wurde von den Beamten in eine Seitengasse am Patriotentreff gedrängt, wo sie dann von ihm ab ließen.

Fragwürdige Polizeimaßnahmen

01102016-waren-polizei-baseballschlaegerDer Angreifer konnte sich nach der Attacke weiterhin frei im Umfeld des „Zutt’s Patriotentreff“ bewegen und Fotos vom Kessel der Gegendemonstranten machen. Obwohl diese unbewaffnet waren, sahen die Polizeikräfte in ihnen eine Gefahr. Behelmt und mit Pfefferspray bewaffnet richteten sie einzig den Blick auf die rund 40 Jugendlichen. Gegen den Basballschläger-Angreifer wurde nicht weiter vorgegangen, es war nicht einmal eine Identitätsfeststellung zu beobachten.
Die Gegendemonstranten blieben bis 16:00 Uhr vom Polizeikessel umringt an der nahen Kreuzung stehen. Obwohl sich die Aufregung nach der Basballschläger-Aktion schnell wieder gelegt hatte und es ruhig bei den Gegendemonstranten blieb, wurden mehrere Erkennungsdienstliche Behandlungen durchgeführt. Mit fragwürdigen Begründungen wurden insgesamt vier Personen aus dem Kessel gezogen. Ihnen wird bislang u.a. Beleidigung, darunter aufgrund eines „A.C.A.B.“-Patches, Passivbewaffnung in Form einer Schwimmbrille und das Anwesen sein am 08.05., ohne weitere genaue Angaben bezüglich einer vorgefallenen Straftat, vorgeworfen. Diese fadenscheinigen Vorwürfe reichten den Beamten aus, eine komplette ED-Behandlung, inclusive dem umfangreichen anfertigen von Bildmaterial , durch zu führen. 
Auch wenn der Aufmarsch in Waren für die Neonazis ein klarer Misserfolg war, werden mit derartig fragwürdigen Einsatzbefehlen und der damit unverständlichen Wichtung bezüglich des Gewaltpotenzials von Demonstrationsteilnehmern Neonazis und rechten Gruppierungen in ihrem Tun und Handeln weiterhin beflügelt. 

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