11. Forstrock in Jamel


Ungewohnte Klänge drangen durch den als „Nazi-Dorf“ verschrieenen Ort Jamel. Wo sonst eher Rechtsrock bei Partys durch die Straße schallt, veranstaltete das Ehepaar Lohmeyer zum 11. Mal das Festival „Jamel rockt den Förster“. Der Bürgermeister der Gemeinde Gägelow Uwe Wandel zeigte Unverständnis gegenüber dem Festival.

Ein Überraschungsauftritt nach dem nächsten

Zum 11. Mal fand am vergangenen Wochenende das Festival „Jamel rockt den Förster“ statt. Was mit einer eher fast schon familiären Party anfing, hat sich zu einer professionellen Veranstaltung gemausert. Nachdem bereits im vergangenen Jahr die Besucherzahlen explodierten, waren in diesem Jahr bereits seit Wochen alle Tickets ausverkauft. Die Veranstalter rechneten mit rund 1200 Besuchern. Auch wenn in den letzten Jahren den Gästen deutschlandweit bekannte Bands geboten wurden, sollte die politische Aussage des Festivals nicht in den Hintergrund rücken. Das Festival soll den Nazis politischen Gegenwind entgegen blasen. Um die Message den Gästen bewusster zu machen, wurde in diesem Jahr auf eine Vorabankündigung des Line-Ups verzichtet. Doch schon die Eröffnung des Festivals ließ ahnen, dass es in diesem Jahr etwas Besonderes wird. Bela B. eröffnete mit dem Ehepaar Lohmeyer die Veranstaltung und geleitete als Moderator das Publikum durch den Abend. Bis der Vorhang fiel, war nicht bekannt, wer die Bands sind, die als nächstes spielen werden. Die Highlights des ersten Abends waren wohl für viele „Kraftklub“ und „Slime“, die ihr Können zum Besten gaben. Am zweiten Tag übernahm die Moderation der Kabarettist Fatih Çevikkollu. Präsentiert wurde u.a. „Fehlfarben“ und „Beatssteaks“. Traditionell wurde das Festival von der „Tequilla and the Sunrise Gang“ beendet.

Experimenteller Umgang mit Rechtsextremen

U.Wandel im Gespräch mit Sven Krüger 1.05.17 in Jamel.

Während in Jamel das Festival am Freitagabend eröffnet wurde, fand im Gemeindezentrum Gägelow die Vorführung des Films „DIALOGE“ statt. In dem Film wird das Ehepaar Lohmeyer und das Mitglied der Kameradschaft „Germanisches Bollwerk Mecklenburg“ Michael E. portraitiert. Mittlerweile hat sich das Paar Lohmeyer von dem Film distanziert. Das Gebäude des Gemeindezentrums wurde 2013 von der Gemeinde Gägelow gekauft und saniert. Im Ankündigungstextes im Anzeigenblattes Blitz wurde für die Veranstaltung geworben:
„Kein Veranstalter aber war bereit, auch Vertretern der rechten Szene Zutritt zu gewähren. Ein halbes Jahr später macht die Gemeinde Gägelow es endlich möglich! Bevor in Jamel wieder der Förster rockt, wird […] in Gägelow, […] DIALOGE gezeigt und anschließend zum Gespräch eingeladen.“
Diese Chance ließ sich ein Teil der Dorfgemeinschaft Jamel nicht entgehen und so machten sich mindestens drei Autos auf den Weg zu der Veranstaltung. Damit wurde die Veranstaltung in den Räumlichkeiten von den Rechtsextremen dominiert. Uwe Wandel (Bürgermeister der Gemeinde Gägelow) scheint einen anderen Kurs mit den Rechtsextremen zu fahren. Die allgemein bekannten Ratschläge von Rechtsextremismusexperten und Beratungsstellen, mit Neonazis nicht zu diskutieren und diese explizit bei derartigen Veranstaltungen aus zu laden, scheint er zu ignorieren. Nicht das erste Mal, dass der Bürgermeister in die öffentliche Kritik mit seinem Umgang mit dem Problemgebiet rund um Jamel gerät. Bereits im Mai diesen Jahres besuchte Sven Krüger gemeinsam mit Tino Streif und einigen anderen Jamel-Bewohnern die Aktion „Wir durchqueren Jamel“, bei der Obstbäume für mehr Demokratie gepflanzt wurden. Nachdem die Rechten zwei Bäume gepflanzt hatten, suchte Uwe Wandel das vertraute Gespräch mit Sven Krüger. Auch wurde am 1.Mai 2016 zum Demokratiefest in Gressow, welches im Anschluss an die Aktionen von „Wir durchqueren Jamel“, die Hüpfburgen Steffen Meineckes, einer von Krügers Vertrauten, angemietet. Simone Oldenburg (Gemeindevertretin in der Gemeinde Gägelow, Franktionsvorsitzende der Landtagsfraktion DIE LINKE in MV) hat im Nachgang sogar noch Werbung mit der Hüpfburg gemacht, welche ein Tag zuvor noch bei dem völkischen Mai-Tanz in Jamel stand. Meinecke ist zu den Kommunalwahlen 2011 für die NPD angetreten. Den Gemeindevertretern Wandel und Oldenburg sollte seine rechte Gesinnung also bekannt gewesen sein. Das Verhältnis zwischen Uwe Wandel und den Lohmeyers gilt eher als angespannt. Anstatt einmal im Jahr gemeinsam Gesicht gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu zeigen, wetterte Wandel in der Ostsee-Zeitung: „Die Grundidee des Festivals ist ja nicht schlecht. Aber dass es mitten im Ort veranstaltet werden muss, ist nicht in Ordnung.“

Raus aus der Normalität

Geschützt wurde das Festival von Beamten der Bereitschaftspolizei. Die Polizei baute umfangreiche Kontrollen am Ortseingang auf und bewachte bis in die frühen Morgenstunden die rechte Seite des Dorfes. Sven Krüger veranstaltete auf seinem Grundstück eine kleinere Party. Der Hausherr bewirtete seine Gäste, die vorwiegend aus gleichgesinnten Bewohnern Jamels und der umliegenden Region bestand, aus einer Gulaschkanone. Zu späterer Abendstunde versuchten ein Teil der Neonazis die Besucher des Festivals zu provozieren. Mehrfach wurden sie von der Polizei wieder auf das Grundstück zurück gedrängt. In diesem Jahr konnten größere Störungen und Schäden verursacht durch Neonazis aufgrund große Präsenz der Polizei verhindert werden.

Zum 11. Mal gelang des dem Ehepaar Lohmeyer mit über 1000 Besuchern pro Tag Gesicht gegen Rechtsextremismus zu zeigen. Unbeschwert konnten Besucher durch das Dorf schlendern und Journalisten gelang ein seltener Einblick in das innere des Dorfes. Jahrelang hat die Zivilgesellschaft der umliegenden Gemeinden es versäumt gegen die rechten Aktivitäten in Jamel präsenz zu zeigen. Simone Oldenburg äußerte sich nach der Teilnahme der Neonazis an der Demokratie-Obstbaum-Aktion im Mai: „Wenn sie der Meinung sind, dass sie ihren Ort ebenfalls verschönern, dann können sie das tun.“ Mit dieser falschen Aktzeptanz Oldenburgs und Wandels gegenüber den rechten Strukturen werden keine klaren Grenzen aufgezeigt und der rechten Ideologie ein Podium sowie Format geboten. Bislang ist einzig das Festival „Jamel rockt den Förster“ ein Lichtblick, der Jamel zumindest temporär raus aus der Normalität der nationalen Mustersiedlung bringt.

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