„Dorfgemeinschaft Jamel“ tanzt in den Mai


Maibaum in Jamel

Erneut lud die rechte „Dorfgemeinschaft Jamel“ zum Maitanz in den gleichnamigen Ort in Nordwestmecklenburg ein. Der verregnete Nachmittag kam nur schleppend in Fahrt.

Seltener Gast in Jamel

An diesem Montag vor dem 1.Mai wurden Besucher des als Nazi-Ort geltenden Jamel von der Polizei in Empfang genommen. Nach dem Anhalten, durch die Polizeibeamten, folgten die üblichen Fragen nach Ausweis und Öffnen des Kofferraumes. Kenner des Ortes meiden zu den Tagen rund um den 1.Mai lieber das Dorf, denn die rechte „Dorfgemeinschaft Jamel“ hat wieder einmal zum Maitanz geladen. Jährlich veranstalten die Neonazis rund um den mehrfach vorbestraften Sven Krüger das Fest zur Walpurgisnacht. Wie jedes Jahr verwandelt sich der Ort in eine national befreite Zone. Die Polizei kontrolliert alle ankommenden Autos, das gesamte Dorf ist geschmückt und voll mit Neonazis. Für die parkenden Autos wurde, wie bei vergangenen Veranstaltungen auch, der öffentliche Platz in der Dorfmitte genutzt. In diesem Jahr fanden sich bis zu 200 Neonazis aus ganz Norddeutschland ein. Unter ihnen war rechte Prominenz, wie David Petereit oder Torgai Klingebiel, aber auch Mitglieder von Kameradschaften, wie z.B. „Dreiländer Jungs“, „Kameradschaftsbund Anklam“ oder Personen aus dem Hammerskin-Umfeld. Auch fanden dieses Jahr Anwohner aus den umliegenden Dörfer teils zu Fuß ihren Weg nach Jamel. Mit dem Wismarer NPDler Rainer Schütt mischte sich ein äußerst selten gesehener Gast unter den Teilnehmern. Rainer Schütt sitzt für die NPD in der Wismarer Bürgerschaft und ist wissenschaftlicher Referent für den Europaparlaments-Abgeordneten Udo Voigt. Außerdem leitet Schütt das NPD-Bürgerbüro in Wismar für Voigt. Das Büro ist allerdings wenig bis gar nicht frequentiert. Es fehlt sowohl an Öffnungszeiten als auch an öffentlichen Veranstaltungen. Mit den zugezogenen Gardinen macht das Büro ein wenig ansprechenden Eindruck für die Bürger Wismars. Gerade in Zeiten der politischen Grabenkämpfe innerhalb der unterschiedlichen Lager der NPD und dem Rückzug der Partei aus der Öffentlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern, besteht durchaus ein Interesse seitens Schütt sich mit den politischen Freunden in Jamel zu verbünden. Ein wenig fremd und abwesend wirkte er zwischen den Teilnehmern des Maitanzes. Nur ab und zu unterhielt er sich mit Klaus Streif, der in der Gemeindevertretung Bobitz für die NPD sitzt.

Volkstanz-Animation

R.Schütt mit K.Streif

Der Nachmittag in Jamel begann nur schleppend. Wohl aufgrund des starken Regens, verschob sich das Maibaum-Ritual in die frühen Abendstunden. Die Männer und Frauen, meist in altertümlicher Kleidung gehüllt, trugen den Maibaum quer durch das Dorf zum Festplatz. Mit einer Selbstverständlichkeit nutzten sie dazu die öffentliche Straße. Unter Applaus hievten sie den meterhohen, mit einem Kranz geschmückten Baum mit Eisenstangen hoch. Im Anschluss wurden nach Tradition Volkstänze aufgeführt. Nachdem die erste Runde sichtlich verhaltend getanzt wurde, versuchten die Organisatoren die umstehenden Personen zum Mittanzen zu bewegen. Die Mühe zahlte sich nicht ganz aus. Die meisten zogen es vor, herum zu stehen und sich mit Anderen zu unterhalten. Im Allgemeinen herrschte eher eine gedrückte Stimmung. Der fröhliche Volksfest-Charakter aus den vergangenen Jahren blieb diesmal aus. Es fehlte in diesem Jahr sowohl die riesige Hüpfburg, gestellt von Steffen Meinecke, als auch das Traktorfahren für die Kinder. Auch wurde der gröhlende Rechtsrock während des Nachmittages, mit dem sie sonst das Dorf beschallten, kaum hörbar gespielt. Lediglich während der Volkstanzdarbietung erwiesen an diesem Nachmittag die aufgebauten Musikboxen ihren Dienst.

Fehlende Abgrenzung

Die recht magere Zivilgesellschaft in der Region um Jamel hat sich mittlerweile aus den politischen Geschehnissen in Jamel zurück gezogen. Anstatt der Aktionen des Bündnissen „Wir durchqueren Jamel“ zum 1.Mai gab es in diesem Jahr ein Familienfest ohne politische Aussage in Gressow, organisiert vom Dorfverein Gressow. In den Jahren zuvor haben Mitglieder der rechten Dorfgemeinschaft regelmäßig an den Demokratie-Aktionen in Jamel teilgenommen und die Veranstaltung ins Lächerliche gezogen. Im vergangenen Jahr pflanzte das Bündnis mit u.a. dem Bürgermeister Gägelows Uwe Wandel und der stellvertretenden Bürgermeisterin und LINKE-Landtags-Fraktionsvorsitzende in MV Simone Oldenburg Obstbäume für mehr Demokratie auf der Streuobstwiese in Jamel. Sven Krüger pflanzte mit seinem Sohn, den Jameler Tino Streif und weiteren aus der rechten Sippe zeitgleich ebenfalls Obstbäume auf der Wiese. Seitens der Bündnis-Mitglieder fand keine klare Abgrenzung oder Ausschluss der Rechten von der Veranstaltung statt. Im Gegenteil: im Anschluss suchte Uwe Wandel das Gespräch mit dem sich als Dorfchef aufspielenden Sven Krüger. Äußern wollte sich Wandel zu den Geschehnissen im Nachgang nicht. Simone Oldenburg legetimierte das Spektakel, indem sie es als Recht auf Verschönerung des Dorfes abtat. Das war nicht das erste und letzte Mal, dass der Bürgermeister von Gägelow mit Jamel als Ortsteil in Kritik im Umgang mit den lokalen rechten Strukturen gerät. Bereits wenige Monaten nach der fragwürdigen Demokratiebaum-Aktion lud das Gemeindezentrum Gägelow zum Film „Dialoge“ ein. Im lokalen Anzeigenblatt brüsteten sich die Veranstalter, dass sie die ersten seien, die auch extrem Rechte hereinlassen würden. Ein Großteil der „Dorfgemeinschaft Jamel“ nahm diese Einladung an und diskutierte zu dem Film. Eine klare Abgrenzungs- und Distanzierungsstrategie zu den Neonazis sieht anders aus.
Der nächste Termin im Kalender der „Dorfgemeinschaft Jamel“ ist die Sommersonnenwende. Es bleibt abzuwarten, welche polizeiliche Strategie an diesem Tag gefahren wird. Mit zivilgesellschaftlichen Engagement gegen die Brauchtumsfeier ist jedenfalls nicht zu rechnen

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