Aufruhr in Jamel


Das als Nazidorf geltende Jamel kommt nicht zur Ruhe. Am 23. Juni veranstaltete die rechte „Dorfgemeinschaft Jamel“ ihre jährliche Sommersonnenwende mit rund 200 Teilnehmern. Nach dem Bekanntwerden der Verpachtung des Dorfplatzes an ein Mitglied der rechten Szene sehen sich Gemeindevertreter in Erklärungsnot. Die Diskussionen halten an.

Routinierte Sommersonnenwende der „Dorfgemeinschaft Jamel“

Wie in den vergangenen Jahren auch, veranstaltete die rechte „Dorfgemeinschaft Jamel“ ihr Kinderfest mit Brauchtumsritual zur Sommersonnenwende am 23. Juni. Das komplette Dorf war mit Girlanden geschmückt. Für die Kinder und Eltern gab es den kompletten Nachmittag das übliche Bespaßungsprogramm mit Kremserfahrt in die umliegenden Wälder, Schubkarrenrennen, Strohballen und Hüpfburg auf dem Dorfplatz in der Mitte von Jamel. Eigentlich ein ganz normales Dorffest, wenn nicht die rechte Brauchtumsfeier und die Vielzahl an einschlägig, bekannten Neonazis wäre. Neben den Mitglieder der „Dorfgemeinschaft Jamel“ setzten sich die Teilnehmer aus Mitgliedern der NPD Mittelholstein, NPD MV, des mittlerweile verschwundenen NPD-Kreisverband Nordwestmecklenbug, Mitglieder der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ oder Aktivisten des „Aktionsblogs“/ „Nationalen Sozialisten Rostock“, zusammen. NPDler, wie Stefan Köster, der mit seiner Frau regelmäßig an derartigen Brauchtumsfeiern teilnimmt, Michael Grewe oder Torgai Klingebiel befanden sich wie die Jahre zuvor unter den Gästen.

Höhepunkt stellte auch in diesem Jahr wieder das Entzünden des Feuers mit dazugehöriger Feierstunde dar. Die Teilnehmer marschierten mit Fackeln über das Grundstück Sven Krügers zum Festplatz, welcher sich ebenfalls auf Krügers Gelände befindet. Auch hier wurde wieder der Schulungscharakter derartiger Brauchtumsfeiern unter den Neonazis deutlich. Ein Festredner erklärte den Anwesenden die Bedeutung der Sommersonnenwende und das Entzünden des Feuers. So werden bereits die Kleinsten in traditionelle Bräuche gelehrt, die bereits zu NS-Zeiten groß zelebriert wurden. Es folgten Feuersprüche und mehrere Lieder. In diesem Jahr befand sich unter dem musikalischen Repertoire das „Lied der Deutschen“ mit all seinen drei Strophen.

Verpachtung an Neonazi

Medial für Aufsehen sorgte in diesem Jahr nicht die Sonnenwendfeier an sich, sondern die örtlichen Gegebenheiten. Kurz vor der als Brauchtumsfeuer angezeigten Veranstaltung wurde bekannt, dass die Gemeinde Gägelow den zentralen Platz in der Dorfmitte an einen Anhänger der rechten „Dorfgemeinschaft Jamel“ verpachtet hatte. Das ist nun die zweite, große Fläche, die insgesamt aus drei nebeneinanderliegenden Flurstücken besteht, welche in Jamel seit Jahreswechsel verpachtet wurde. Thema war der Dorfplatz bereits im nichtöffentlichen Teil der Hauptausschusssitzung der Gemeinde Gägelow im Februar diesen Jahres.
Einen Monat später wurde über ein weiteres Grundstück diskutiert, ein Nachbargrundstück eines Mitgliedes der „Dorfgemeinschaft Jamel“. Konkrete Beschlüsse über die Entscheidungen sind nicht öffentlich zugänglich. Lediglich über die Verpachtung, die als Verkauf diskutiert wurde, des Flurstückes im März diesen Jahres wurde eine Abstimmungsliste mit 7 Dafür- und 1 Dagegen-Stimme öffentlich gemacht.

Erst durch den Polizeieinsatz für die anstehende Sommersonnenwende kam die Verpachtung des Dorfplatzes an die Öffentlichkeit. Aufgrund der unbefristeten Nutzung als Weidefläche, wie es aus dem Vertrag hervor geht, konnte die Polizei ihre geplanten Kontrollen nicht auf dem zentralen Platz aufbauen. Sie waren gezwungen diesen entlang der schmalen Straße in Jamel zu positionieren. Laut Ostsee Zeitung wurde die Wiese für einen Preis von 65€ pro Jahr unbefristet als Weideland zur Verfügung gestellt. Der Pächter des Grundstückes geht offen mit seiner rechten Gesinnung um. Die vergangene Sonnenwendfeier, war nicht die erste rechte Festlichkeit im Dorf, an die der in Jamel wohnende teilnahm.

Schuldzuweisungen, anstatt Verbesserungsversuche

Nach dem Bekanntwerden der Verpachtungen an eine Person der rechten „Dorfgemeinschaft Jamel“ hagelte es öffentlich Kritik gegen die Entscheidung der Gemeindevertreter. Auf der regulär am Dienstag nach der Feier stattfindenden Hauptausschusssitzung wurde das Thema der Verpachtung diskutiert – auch dieses Mal wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mit dem Vertrag selbst, der eine unbefristete Verpachtung vorsieht, werde sich die Gemeindevertretung auf ihrer nächsten Sitzung im September befassen, sagte Bürgermeister Uwe Wandel auf OZ-Nachfrage. Demnach wäre eine früheste Kündigung des Vertrages wohl erst zum Jahreswechsel möglich.
Die Gemeindevertreter, unter ihnen auch die Fraktionsvorsitzende der Landtagsfraktion DIE LINKE Simone Oldenburg, sehen sich in Erklärungsnot. Anstatt mit der Kritik an ihrer Arbeitsweise zu arbeiten und sich endlich einmal effektiv mit dem Neonazi-Problem in ihrer Gemeinde auseinander zu setzen, verlagern sie die Schuldzuweisung Richtung Ordnungsbehörden. Man hätte nicht gewusst, wer die Person sei, soll ein Ausschussmitglied nach OZ-Informationen entsetzt bemerkt haben.

Bei der Sitzung des „Amtsausschuss Grevesmühlen-Land“ am 2.Juli kritisierte der stellvertretende Bürgemeister Bernd Kolz den Umgang mit den Daten der Gemeinde. Die Stadtverwaltung habe die Polizei über die Ereignisse informiert und ihnen die entsprechenden Daten übermittlet. Erst dadurch ist der Fall publik geworden. Die Stadtverwaltung legitimiert die Weitergaben auf Grundlage der Amtshilfe, ein normaler behördlicher Vorgang. Es macht den Anschein, als hätte die Gemeindevertreter das größte Problem in den öffentlichen Empörungen und nicht mit den Neonazis selbst im Dorf.

Am Festwochenende nutzte die Dorfgemeinschaft den verpachteten Platz, um dort ihre Hüpfburg aufzustellen. Bereits in Vergangenheit wurde der Platz für die rechten Veranstaltungen sowohl als Parkplatz für die Teilnehmer, als auch für die Kinderbespaßung genutzt. Bereits in Vergangenheit gab es Streitigkeiten über die Nutzungsrechte bei den rechten Feiern im Dorf. Mit der Verpachtungen sind diese Unstimmigkeiten aus der Welt geschafft und die Neonazis können nun den Platz legal nutzen.

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