Fackelmarsch zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in Güstrow


Am vergangenen Samstag veranstaltete die „Kameradschaft Güstrow“ einen Fackelmarsch durch Güstrow. Auch wenn die Teilnehmerzahl von 35 Neonazis nicht groß war, ließ die aggressive Stimmung einiger Neonazis an die Reichspogromnacht vor genau 80 Jahren erinnern.

Fackeln für die Zukunft der Kinder

Via Facebook riefen seit Donnerstag Nachmittag rechte Facebook-Gruppe „Kollektiv Seenplatte“ und „Rostocker Division“ zu einem Fackelmarsch für den 10. November in Güstrow auf. Als Veranstalter wurde die „Kameradschaft Güstrow“ benannt. Unter dem Motto „Für die Zukunft unserer Kinder“ versammelten sich ab 18:00 Uhr die Teilnehmer am Bahnhof. Trotz einiger Verzögerungen wollten es einfach nicht mehr als 35 Neonazis werden. Ohne Fronttransparent, ohne professionellen Lautsprecherwagen und ohne Support von Politik-Prominenz machten sich die Fackelträger auf den Weg in die Innenstadt. Die Unterstützung aus der eigenen Szene blieb aus. Wieder einmal stand am gestrigen Abend die Frage im Raum, inwieweit seit dem Ausscheiden der NPD aus dem Landtag noch ein Zusammenhalt innerhalb der extrem rechten Strukturen besteht. Parallel veranstaltete die Gruppe NSR/Aktionsblog in Rostock ein Heldengedenken. Mit Fackeln marschierten sie über den Rostocker Friedhof und legten am Kriegsgräberdenkmal Kränze nieder. Auch die Konkurrenzveranstaltung des Aktionsblogs wird einer der Gründe gewesen sein, warum die Beteiligung am Fackelmarsch in Güstrow so mager war.

In unmittelbarer Nähe des Auftaktkundgebungsortes der Neonazis, am Güstrower Bahnhof, versammelten sich rund 50 Gegendemonstranten. Sie hielten Schilder mit Namen von Deportierten in die Höhe, um an die Grausamkeiten des Holocaustes zu erinnern. Auch auf dem Marktplatz stießen die Rechten auf zahlenmäßig überlegene Gegendemonstranten, die mit Transparenten und Sprechchören ihren Unmut über den Fackelmarsch äußerten. Einige Neonazis fühlten sich wiederholt provoziert und versuchten mehrfach Umstehende anzugreifen. Die Polizei musste dazwischengehen. Auch wurden mehrfach anwesende Pressevertreter von den frustrierten Neonazis beschimpft.

Geschichten von den „Umvolkungsstrategen“

Auf dem Marktplatz hielt der Güstrower Sebastian Kloß eine Rede, die sich vorwiegend mit seiner Angst des „Volkstodes“ auseinandersetzte. In seiner Rede zum Fackelmarsch definierte er die Schlagwörter „Volk, Familie und Vaterland“ als „Fundament einer gesunden Volksseele“, die die Existenz eines Volkes dauerhaft sichere und der Welt ihren Stempel aufdrücke. Er beschrieb die Familie im völkischen Stil als etwas Positives und hetzte gegen alterntive Familienkonstrukte, wie der gleichgeschlechtlichen Ehe. Auch werden emanzipatorische Ansätze, die den Frauen ein Leben weg vom Herd und in die Freiheit geschenkt haben, konsequent abgelehnt. In einer paranoiden Verschwörungstheorie würden „Umvolkungsstrategen“ einen Plan verfolgen, welcher sein Volk dauerhaft in Aussehen und Charakter verändere. Welche höhere Macht hinter diesen sogenannten „Umvolkungsstrategen“ steht, wird nicht weiter konkretisiert. Zu den Kommunalwahlen 2009 trat Kloß für die NPD zur Wahl als Stadtvertreter an. 2013 benannte ihn der Verfassungsschutz als NPD-Funktionär für den Bereich Mecklenburgiche- Seenplatte. Seither trat er regelmäßig bei Reden zu Aufmärschen in z.B. Güstrow auf.

80 Jahre Reichspogromnacht

Auch wenn die Zahl der Teilnehmer am Fackelmarsch nicht hoch war, bot sich doch ein makaberes Schauspiel in Anbetracht der historischen Ereignisse am vergangenen Wochenende. Am 10. November 1938 wurde im Zuge der Reichspogromnacht morgens um 5:30 Uhr die Synagoge, die Leichenhalle und ein Uhrmachergeschäft niedergebrannt. Zwei weitere Läden, ein Trödelgeschäft und eine Lederwarenhandlung, wurden verwüstet. Später am Abend fand auf dem Marktplatz eine antisemitische Kundgebung statt. Genau 80 Jahre später fand auf demselben Marktplatz erneut eine Kundgebung von Neonazis statt. Zuvor passierten die Neonazis die Straßen in der damals die Synagoge niedergebrannt wurde. Auch wenn der Fackelmarsch unter dem Deckmantel „Für die Zukunft unserer Kinder“ veranstaltet wurde, ist es fragwürdig, inwieweit die Forderung nach einer sicheren Zukunft ihrer Kinder mit Feuer verstärkt werden muss. Genauso fragwürdig ist es, warum die Ordnungsbehörden bezüglich der historischen Ereignisse an dem Tag, keine Auflagen zu einem Verbot der Fackeln erteilt haben.

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